ZUR ZEIT München

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Life’s Good

…und sieht aus, als hätte jemand sehr viel Mühe darauf verwendet, es so naturalistisch wie möglich aussehen zu lassen. Die Auswahl des Teppichs, das Anbringen der EU-Norm-Schilder, die Pflanze, der Stuhl, die Bilder – alles perfekt. Hinten rechts fällt über das geschickt eingesetzte Fenster Licht ein, es ist nach Westen ausgerichtet, anders als die Apsis einer Kirche.

Ich lege mich gleich auf den Teppichboden. Da liege ich angenehm umgeben von den orangen Linien, die dieses kurvige Muster ergeben und mir den Eindruck von Mimese vermitteln. Vielleicht tarnt mich das Muster, auf dem ich liege, so, dass ich darauf nicht mehr zu sehen bin. Unsichtbar liege ich auf dem Teppich, die andern sind auch da und im orangen kurvigen Linienmuster auf dunkelgrauem Grund kaum zu erkennen, wie sie dort ihre Körper ganz natürlich in die Umgebung einpassen.

Wir alle sind davon befreit, uns soundso zu verhalten. Der Raum ist derart präzise gemacht, dass er uns abnimmt, ihn mit unseren Körpern irgendwie durchmessen und einnehmen zu müssen. Wir liegen einfach so da. Die Form einer kühlen Keramik passt sich genauso leicht in die Lücke, die Schulter, Kopf, Hals bilden. Die Kaputtheit der letzten Stunden ist verschwunden und hat Kopfschmerzen Platz gemacht. Wir haben die Türen zu unsern Zimmern offengelassen; aus meinem kommt der Ton des Fernsehers, eines riesigen LG, in dem es, wenn man ihn einschaltet, heißt: Life’s Good; nicht wenn man ihn ausschaltet.

Vorhin lief eine Dokumentation über Madagaskar, wo Tote regelmäßig aus ihren Särgen geholt und umgebettet werden in neue. Wir lagen in meinem Bett und haben angenehm geschwiegen dazu.  Auch jetzt sagt niemand was. Der Raum arbeitet für uns, nicht wir für den Raum. Wie selbstverständlich liegen wir auf dem Teppich und sind lediglich dafür zuständig, unsere Körper so zu legen, dass sie der Eleganz des Raums in nichts nachstehen. Der Raum organisiert unsere Körper, weil er selbst organisiert ist.

Morgen werden wir uns die Tennishalle ansehen, die ich bisher nur von Fotos kenne. Die Tennisplätze darin sind blau mit weißen Linien, die Flächen drum herum sind rot – karminrot. Ein Ort und ein Raum, der nur dazu gemacht wurde, um darin Körpern die Möglichkeit zu geben, miteinander Tennis zu spielen. Von außen soll sie aussehen wie ein Flugzeughangar wie mir Herr Werner am Telefon mitgeteilt hat. Morgen, vierzehnuhrdreißig.

Solche Orte kommen mir vor, als wären sie realer, eben weil sie künstlich sind. Wir müssen darin nichts weiter tun als zu spielen. Alle formalen Entscheidungen wurden ja bereits getroffen, der Teppich verlegt, die Bilder gehängt, die Plastikpflanze und der Stuhl drapiert, die Hotelrechnung bezahlt. Wir lassen die Türen offen, es kommt mir hier nur folgerichtig und konsequent vor. Bilder vom Zellentrakt in Stammheim, von Staats wegen extra konstruiert, um Baader und Meinhof und die anderen aus der Gesellschaft auszugliedern mittels Kontaktsperre.

Im sogenannten Bauhaus werden wir Material einkaufen und feststellen, dass Ketten ab zwei Gliedern Ketten sind. Robert zwickt immer zwei Glieder ab und bezahlt an der Kasse nur für die Doppelglieder, nicht für die dazwischen. Uns wird sich der Eindruck und mit ihm ein Bild ergeben, dass wir hier umgeben sind von Schulen, Sportplätzen und Kebabläden – durch die wir schlendern und dabei sprechen und ich beruhigt feststelle, dass die anderen immer auch Gedanken formulieren, an denen der Rest teilhat, ohne sie selbst vorher gedacht oder geahnt zu haben.

Text: Jonas Münch


A U S S T E L L U N G  »ZUR ZEIT München« im Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis Bregenz

25/02/ – 26/03/2017


M I T  

Robert Keil
Maximilian Schachtner
Annabell Lachner
Lena Grossmann
Jonas Münch
Yutie Lee
Johanna Klingler
Patrik Thomas
Jan Erbelding