JUDITH BUTLERS THEORIE DER GESCHLECHTERKONSTITUTION ALS „SYSTEM“ NIKLAS LUHMANNS? – EIN VERSUCH. ODER: BUTLER UND LUHMANN, ABER BITTE KEIN „BUHMANN“!

J. MÜNCH |

Nehmt mich bitte nicht zu ernst oder
versteht mich bitte nicht zu schnell. [1]

Niklas Luhmann

Dieser Aufsatz unternimmt ein kleines Wagnis und ist durchaus als Experiment zu verstehen. Er versucht, begriffliche und inhaltliche Analogien zwischen der Theorie Judith Butlers (*1956) zur Geschlechterkonstitution und der Systemtheorie von Niklas Luhmann (1927-98) aufzuzeigen und zu untersuchen. Am Ende dieses hier unternommenen Versuchs steht im besten Falle eine unverbrauchte Perspektive in die „Dachstühle“ beider „Theoriekathedrale(n)“ [2], die vielleicht sogar – um im Bild zu bleiben – zwischen beiden eine Brücke baut. Sie versucht dies, obwohl die Systemtheorie Luhmanns nicht zu den „netten, hilfsbereiten Theorien“ [3] zählt, wie er selbst betonte, und auch Butlers Theorie ebenso eher „harte Nuss“ denn „leichte Kost“ ist. Keineswegs soll dabei die Unterschiedlichkeit der Ansätze der Philosophin und des Soziologen verschleiert, vertuscht oder gar im Stil einer Synthese nivelliert werden.  In keinem Fall schließlich soll aus Butler und Luhmann ein sprichwörtlicher „Buhmann“ gemacht werden. Es geht in erster Linie um den spielerischen Vergleich zweier – auch das muss betont werden – stark fragmentarischer Ausschnitte der jeweiligen Theorie. Wie zu zeigen sein wird, gehe ich davon aus, dass es sich bei dem von Judith Butler beschriebenen Konzept der Geschlechterzugehörigkeit um ein System mit Spezifika der von Luhmann beschriebenen Funktionssysteme handelt. Dazu will ich begriffli­che und inhaltliche Analogien aufzeigen und zur Thesenführung miteinander verschränken. Zuerst wird Butlers Geschlechtstheorie in den Blick genommen, um danach kursorisch in den Ansatz Luhmanns und seine Systemtheorie einzuführen. In einem nächsten Schritt werden beide Seiten anhand von Begriffen und Inhalten einander gegenübergestellt und davon ausgehend der Beweis für inhaltliche Analogien geführt. Zum Schluss sollen die Ergebnisse zusammenfassend formuliert und dabei kritisch reflektiert werden.

Der Essay stützt sich, was die Geschlechtstheorie Judith Butlers angeht, größtenteils auf deren Aufsatz „Performative Akte und Geschlechterkonstitution. Phänomenologie und feministische Theorie“ [4] aus dem Jahr 1997. Ihre Überlegungen kreisen darin um die Frage, „auf welche Weise die Geschlechterzugehörigkeit durch spezifische körperliche Akte konstruiert wird und welche Möglichkeiten der kulturellen Transformation der Geschlechterzugehörigkeit durch solche Akte bestehen“ [5]. Ihre Theorie entwirft sie im Wesentlichen auf der Grundlage der phänomenologischen Theorie und deren Weiterentwicklung durch Maurice Merleau-Ponty und Simone de Beauvoir, geht jedoch noch erheblich über beide hinaus. [6]

Wenn die phänomenologische Theorie davon ausgeht, dass „sozial Handelnde die so­ziale Wirklichkeit durch Sprache, Geste (!) und alle möglichen Arten symbolischer so­zialer Zeichen erst konstituieren“ [7], legt sie dem noch weitestgehend die „Existenz ei­nes wählenden und konstituierenden Handelnden noch vor der Sprache“ [8] – eine sub­stantielle Identität [9] als Handlungsort [10] – zugrunde. Symbolische Zeichen, darunter Sprache und Gesten, werden hier also als konstitutive Akte eines Subjekts angegeben.

Simone de Beauvoir erweitert diesen Ansatz mit dem Hinweis darauf, dass sich noch vor Erreichen einer „stabile(n) Identität“ [11] als Subjekt die jeweilige Geschlechterzu­gehörigkeit konstituiert (die Frau erst zur Frau werde). [12] Dieses „geschlechtlich be­stimmt(e) Selbst“ kommt durch die „stilisierte Wiederholung von Akten“ und durch die „Stilisierung des Körpers“ (d.h. durch „körperliche Gesten, Bewegungen und In­szenierungen“) zustande. [13] Damit ist die Geschlechterzugehörigkeit stets „zer­brechlich in der Zeit konstituiert“ und im Gegensatz zu „substantielle(n) Identitätsmodellen“ (vgl. 2.1) in einer „sozialen Zeitlichkeit“ verortet. [14] Erst von der geschlechtszugehörigen Identität gehen jene konstitutiven Akte aus, auf denen die phänomenologische Theorie dann aufbaut. Im berühmten Diktum de Beauvoirs „On ne naît pas femme, on le devient“ steckt also prononciert ihre Behauptung, dass jedwede Geschlechterzugehörigkeit mehr „geschichtliche Situation“ denn „natürliches Faktum“ ist. [15]

Insofern gehen Maurice Merleau-Ponty und Simone de Beauvoir d´accord, als beide einem Körperbegriff widersprechen, der den Körper als ein natürliches Faktum oder eine „natürliche Spezies“ [16] zur Grundlage hat. Vielmehr gehen beide davon aus, dass der Körper an sich über seine biologische und physiologische Faktizität hinaus „kul­turelles Zeichen“ [17] ist, d.h., dass er im „aktiven Prozess der Verkörperung bestimmter kultureller und geschichtlicher Möglichkeiten“[18] zum „Träger kultureller Bedeutun­gen“ [19] wird. Merleau-Ponty hält am „Leib als geschlechtlich Seiende(m)“ fest, wenn er vom Körper sowohl als „historische(r) Idee“ wie auch als „Menge von Möglichkeiten“ spricht, die sich, geschichtlichen Konventionen unterliegend, fortgesetzt und un­aufhörlich materialisieren. [20]

Judith Butler radikalisiert diese Thesen entschieden. Im Rekurs auf Simone de Beauvoir nennt sie deren sich konstituierendes „geschlechtlich bestimmtes Selbst“ [21] „zwingende Illusion“ [22] und gar „Gegenstand des Glaubens“ [23] und lehnt damit jegliche Annahme einer (substantiellen oder erst konstituierten) Geschlechteridentität ab. Vielmehr weist sie „das, was als Geschlechteridentität bezeichnet wird“ [24], als „performative Leistung“ [25] aus, „die durch gesellschaftliche Sanktionen und Tabus erzwungen wird“ [26]. Sie macht deutlich, dass Performanz – obgleich diese die (Illusion der) Geschlechteridentität konstituiert und damit erst ermöglicht – auch die „Stellschraube“ zu einer Veränderung bzw. Infragestellung des „verdinglichten Status der Geschlechteridentität“ [27] ist. Dazu nennt sie als Techniken „ander(e) Arten des Wiederholens“ performativer Akte und das „Durchbrechen oder (deren) subversive Wiederholung“. [28] Für ihr Konzept der Performanz von körperlichen Akten greift sie implizit auf die Wortherkunft aus der Sprechaktphilosophie zurück. Deren Begründer John L. Austin beschreibt seinen Neologismus „performativ“ den Eigenschaften nach als „wirklichkeitskonstituierend“ und „selbstreferentiell“. [29]

Zusammenfassend lässt sich Butlers – hier knapp skizzierte – Theorie zur Ge­schlechterzugehörigkeit in sieben Grundannahmen formulieren: Es gibt (1) keine vorgängige, vorsprachliche Identität und (2) keine naturalisierte, verdinglichte Ge­schlechtsidentität, ebenso (3) keine sich erst (gesellschaftlich, historisch) konstituie­rende Geschlechtsidentität. Eine solche konstituiert sich als (5) Illusion und Gegenstand des Glaubens in einer (6) performativen Leistung. Der (7) Status der Ge­schlechtsidentität ist veränderlich durch eine veränderte Performanz der konstitutiven Akte.

„Forschungsprojekt: Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre, Kosten: Keine.“ [30] – so lapidar und bescheiden umriss Niklas Luhmann selbst einmal Gegenstand, Weg und Ziel seiner Arbeit. Dabei unternahm er nichts Geringeres als den Versuch der „Neubeschreibung der modernen Gesellschaft aufgrund gegenwärtiger Erfahrun­gen“ [31]. Hierzu wandte er die Systemtheorie auf die Soziologie an und entwickelte beide in seinem Werk beachtlichen Umfangs konsequent weiter. Ein System als solches definiert sich nach Luhmann nicht zuletzt durch die Differenz zu seiner Umwelt. In einem bestehenden Gesellschaftssystem kommt es – nach Luhmann – zur funktionalen Ausdifferenzierung verschiedener (Einzel-) Systeme, die wichtigsten davon sind die Funktionssysteme Politik, Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Religion und Kunst. [32] Das Gesellschaftssystem als „soziale System“ [33] beruht insofern auf der zentralen Ope­ration der Kommunikation, als „Gesellschaft aus Kommunikation“ [34] besteht und beide Begriffe annähernd synonym gebraucht werden können. [35] Zur Beschreibung realer und nicht als modellhaft zu missverstehender Systeme nimmt Luhmann die Beobachtung der Beobachtung, die „Beobachtung zweiter Ordnung“ vor. [36] In der nun anschließenden Analyse versuche ich, mit lediglich rudimentären Zügen der Luhmannschen Theorie zu arbeiten und auszukommen.

Schon Judith Butlers Sprachgebrauch zur Erläuterung ihrer Thesen legt eine Be­trachtung unter systemtheoretischen Gesichtspunkten nahe. So spricht sie unter anderem von einem „binären Geschlechtersystem“ [37], von „systemische(n) (…) Strukturen“ [38], von der „Reproduktion (eines) Verwandtschaftssystems“ [39], vom „System der erzwungenen Heterosexualität“ [40] und vom „systemische(n) Charakter der Unterdrückung der Frau“ [41]. Andere Begriffe wie „Reproduktion“ [42], „Wiederholung“ [43] „(A)ufrechterhalten“ [44] ähneln in ihren Bedeutungen frappierend systemtheoretischen wie „Selbsterzeugung und Existenzerhaltung“[45] oder „Rekursivität“[46] (Humberto Maturana). Nicht zuletzt deshalb geht die hier zu verdeutlichende Lesart Butlers davon aus, dass das von ihr beschriebene und kritisierte Konzept der Geschlechterzugehö­rigkeit sich als System selbst (performativ) herstellt und erhält. Den Beweis für diese Annahme will ich anhand einer Zweiteilung antreten; die Argumentation Butlers für eine als Illusion performierte Geschlechteridentität wird unter systemtheoretischen Gesichtspunkten analysiert und anschließend werden die Ergebnisse in einem Modell der hier angewandten Lesart zusammengeführt.

Die operative Größe, auf der nach Butler die Geschlechteridentität basiert, ist die des performativ vollzogenen konstitutiven Aktes [47] – die Performation. Sie produziert nicht nur das System der bipolaren Geschlechterzugehörigkeit, sie reproduziert es auch (als kulturelle Fiktion). [48]

Was Butler als „performative Akte“ ausweist, meint körperliche Akte [49] und ist von ihr in Erweiterung der von der Phänomenologie bezeichneten konstitutiven Akte gedacht; performative Akte konstituieren nicht nur Bedeutung, sondern performieren und inszenieren sie gleichsam (und gleichen damit „performativen Akten in theatralischen Kontexten“). [50] Performative Akte sind „dramatisch“ [51] (d.h. materialisieren sich fortgesetzt und unaufhörlich [52], vgl. Wirklichkeitskonstitution) und „nicht-referentiell“ [53] (vgl. Selbstreferentialität). Judith Butler setzt individuelle performative Akte nicht absolut, sondern mahnt auch die Beachtung „soziale(r) Zusammenhänge und Konventionen“ und die „hege-monisch(en) gesellschaftlich(en) Bedingungen“ [54] an, in denen solche Akte nicht nur möglich, sondern überhaupt erst denkbar sind. [55] Damit sind performative Akte immer auch „kollektive Handlungen“ [56] und „gemeinsame Erfahrungen“ [57] und nach der  feministischen Theorie: politisch [58]. Geschlechterakte werden demnach in ihrer Summe zu Normen, deren stilistische „Sedimentierung“ [59] die Illusion eines natürlichen Geschlechts ist und die „natürliche Form der Aufteilung der Körper in Geschlechter“ begründen. [60] Geschlechterzugehörigkeit wird als ein „Tun“ [61] begriffen, als ein andauernder, nicht endender Prozess (der „Verkörperung“ [62]). Außerdem weist das System der Geschlechterzugehörigkeit insofern Zyklizität auf, als es als Konstruktion „unter Zwang“ „regelmäßig  ihre Genese verschleiert“ und „durch die Glaubwürdigkeit ihrer eigenen Hervorbringung verdunkelt“. [63]

Analog hierzu kommt das von Luhmann beobachtete Gesellschaftssystem nur durch Kommunikation, durch Kommunikationsakte zustande, setzt sich nur durch diese fort. Er spricht im Zusammenhang auch von der „Reproduktion und Konstitution der Gesellschaft durch Kommunikation“. [64] Beide – Gesellschaft und Kommunikation – stehen in einem vitalen Verhältnis zueinander, das „zirkulär“ verläuft. [65] Das bedeutet für die daraus folgende Theorie, dass sie „nicht deduktiv etwas aus einem Ausgangspunkt ableitet“, sondern in der Art eines Kreises ein „sich selbst beschreibendes System (darstellt), das seine eigene Beschreibung enthält“. [66] Die Akte der Kommunikation, welche „durch symbolisch generalisierte Medien wie Sprache, Schrift, elektronische Medien und Moral vollzogen“ [67] werden, gehen, anders als dies konventionell vermutbar wäre, nicht von einem „dahinterstehenden Wesen“, einem Subjekt aus, sondern lediglich von stattfindenden, sich anstoßenden kommunikativen Operationen. [68] An dieser Stelle geht Luhmann, ähnlich wie Butler, von einer „Realitätsillusion“ aus, die in einem in der Ontologie fluchtenden naiven Alltagsdenken begründet liegt. [69] Beide, Luhmann und Butler, gehen von einem sich selbst durch Kommunikation bzw. Performanz hervorbringenden und erhaltenden System aus, das eine zirkuläre Struktur kennzeichnet. Dies lässt den Schluss zu, dass die beiden Konzepte von Performation und Kommunikation – so unterschiedlich in ihrer jeweiligen Beschaffenheit – gemeinsame Charakteristika besitzen, was ihre jeweilige Funktion anbelangt.

Ein System besitzt nach Luhmann die Fähigkeit, sich aus seinen Elementen selbst herzustellen und zu erhalten. Für die entsprechende Begrifflichkeit nimmt Luhmann Anleihen an der Theorie des chilenischen Kognitionsbiologen Humberto Maturana, der so – auf zellulärer Ebene – die Autopoiesie beschreibt. [70] Diese findet dort statt, weil jede Körperzelle als Pro­duktionsnetzwerk ihre spezifischen Bestandteile produziert und dies gleichermaßen erst ihre eigene Existenz – in Abgrenzung zu ihrer Umwelt (Zellmembran) – ermöglicht. [71] Autopoietische Systeme sind damit nicht auf die Herstellung eines Produkts (Output) ausgerichtet, sondern auf die „Erhaltung ihrer eigenen Struktur“, dennoch meint dies nicht, dass sich das System „aus dem Nichts“ selbst erschafft, sondern lediglich, dass seine Eigendynamik auf seine Fortsetzung ausgerichtet ist. [72] Dabei gibt kommt es durchaus zu wechselseitigen Wirkungen zwischen dem System und seiner Umwelt, aber auch zu Ausgleichsreaktionen bei Perturbation des Systems. [73] Luhmann überträgt diese Erkenntnisse auf die Beschreibung von Systemen. Ein entsprechender Ansatz liegt der Aussage Judith Butlers zugrunde, die sagt: „Da die Geschlechterzugehörigkeit keine Tatsache ist, erschaffen die verschiedenen Akte der Geschlechterzugehörigkeit die Idee der Geschlechterzugehörigkeit, und ohne diese Akte gäbe es eine Geschlechterzugehörigkeit überhaupt nicht“ [74]. Hier entsprechen die „verschiedenen Akte“ den Elementen des Systems, aus denen es sich speist und mit denen es sich gleichermaßen selbst erhält. Was Butler „deutlich strafend(e) Folgen“ [75], „gesellschaftlich(e) Sanktionen und Tabus“ [76] zur Aufrechterhaltung des Zwangssystem der Geschlechteridentität nennt, kann durchaus mit jenen systemischen Ausgleichsreaktionen verglichen werden. Es ist also davon auszugehen, dass Butler die Geschlechterzugehörigkeit in gewisser Weise als autopoetisch versteht.

Systeme existieren bzw. realisieren sich als solche nur so lange, wie sich in ihnen anschlussfähige Operationen ereignen. Anschlussfähig meint hier kompatibel zueinander und dabei „operativ geschlossen“. [77] So sind soziale Systeme in ihrer Operation Kommunikation unempfänglich gegenüber anderen, ihnen nicht system-eigenen Operationen, wie beispielsweise Bewusstsein (spezifische Operation im psychischen System) oder Geld (Operation in der Wirtschaft). [78] Wenn Geschlechteridentität, wie Judith Butler sie auffasst, sich als prozessuales „Tun“ [79] nur in und durch performative/n Akte/n unaufhörlich und fortgesetzt materialisiert, liegt vom systemtheoretischen Standpunkt aus, eine operative Geschlossenheit des Systems der Geschlechterzugehörigkeit vor. Dies geht auch deutlich aus folgender Feststellung Butlers hervor: „Die Realität der Geschlechterzugehörigkeit ist performativ, was ganz einfach bedeutet, dass die Geschlechterzugehörigkeit real nur ist, insoweit sie performiert wird.“ [80]

Ich orientiere mich für die Zusammenführung der bisherigen Ergebnisse im Wesentlichen an einer Schematisierung der Funktionssysteme (Abb. 1), wie sie Walter Reese-Schäfer in seiner Einführung zu Niklas Luhmann [81] verwendet, und übernehme dazu – ergänzt – die darin verwendeten Begrifflichkeiten. Diese sind Funktionssystem, Code, Programm, Medium und Funktion und bezeichnen begrifflich Aufbau und Funktionsweise der Luhmannschen Funktionssysteme. Als Grundlage für die hier vorgenommene Schematisierung nach dem genannten Muster dienen Begriffe und Versatzstücke aus Zitaten Butlers, die ihrem bereits genannten Aufsatz [82] entnommen sind. Da ich nicht davon ausgehe, dass das System der Geschlechteridentität ein Funktionssystem im Luhmannschen gesellschaftlichen Sinne darstellt, ist es in der Tabelle, anders als in der Vorlage, neutral als System bezeichnet. Ich beschränke mich hier – neben weiteren denkbaren System-Varianten – auf die Beschreibung lediglich dreien des von ihr analytisch und kritisch nachgezeichneten Systems der Geschlechteridentität, die zum Teil Schnittmengen verbinden. Die erste Variante ist das System der (illusionären) Geschlechterzugehörigkeit bzw. -identität in seiner Grundform (siehe dazu Tabellenzeile 1).

Bei den Varianten zwei und drei handelt es sich in gewisser Weise um Variationen; die erste beschreibt ebenfalls die (Illusion einer) Geschlechteridentität, versucht jedoch, wie von Judith Butler beschrieben, das Phänomen der „erzwungenen Heterosexualität“ [83], genauer die  „(H)eterosexuell(e) Ehe“ als ein Programm des Systems miteinzubeziehen (Tabellenzeile 2). Dazu dient ihr Satz:

„Zur Gewährleistung der Reproduktion einer gegebenen Kultur ist durch ver-schiedene (…) Erfordernisse die sexuelle Reproduktion im Rahmen einer der hetero-sexuellen Ehe eingeführt worden, die die Reproduktion von Menschen in bestimmten geschlechtsspezifischen Modi erfordert, die tatsächlich die Reproduktion dieses Verwandtschaftssystems gewährleisten.“ [84]

Das dritte und letzte Beispiel begreift „Frau“ bzw. „Mann“ als eigenständiges System, das sich getragen durch die „Vorstellung eines essentiellen Geschlechts, einer wahren oder bleibenden Männlichkeit oder Weiblichkeit“ [85] und mit dem Ziel des „kulturellen Überlebens“ [86] selbst performiert, hervorbringt und erhält.

Abb. 1: Niklas Luhmann, Schautafel der Funktionssysteme [87]

System Code Programm Medium Funktion/ „StrategischesZiel“ [88]
(Illusion einer)Geschlechteridentität/Geschlechterzugehörigkeit Mann/ Frau
(„Geschlechterzu­gehörigkeit imbinären Rahmen“ [89])
Performative Akte „Idee der Geschlechterzu-gehörigkeit“ [90] Kulturelles Überleben
(Illusion einer)Geschlechteridentität/ Geschlechterzugehörigkeit Mann/ Frau „(H)etero-sexuell(e) Ehe“ „Reproduktion von Menschen in bestimmten geschlechtsspezifischen Modi“ „Gewährleistung der Reproduktion einer gegeben-en Kultur“
Frau Mann/ Frau „Nachhaltige soziale performative Vollzüge“ [91] „Vorstellung eines essentiellen Geschlechts, einer wahren oder bleibenden Männlichkeit oder Weiblichkeit“ [92] KulturellesÜberleben
Mann

Abb. 2: Schematische Zusammenführung

 

Am Ende der Durchführung meines Versuchs kann ich feststellen, dass aus Butler und Luhmann noch kein „Buhmann“ geworden ist und auch nicht wird. Klar sind neben vielen verblüffenden Analogien, die sich finden ließen, die Grenzen zwischen beiden Theoretikern und ihren Theorien hervorgetreten – die Analogien, weil ich sie gesucht habe und die Grenzen, weil sie schlicht existieren. Zu unterschiedlich sind die Gegenstände, die hier beobachtet und beschrieben und dort analysiert und kritisiert werden, zu verschieden auch die Motivationen, aus denen heraus die jeweiligen Theorien entstanden sind. Die Grenzen der Vergleichbarkeit sind insbesondere im jeweiligen Ausgangspunkt schnell erreicht; während Luhmann in seiner Beschreibung komplett auf Menschen verzichtet [93], kann Butlers Theorie – sei sie auch frei von substantiellen Subjekten, vorsprachlichen Identitäten oder auch essentiellen Geschlechtern [94] – nicht ohne den Menschen gedacht werden. Wenn an dieser Stelle überhaupt von einem Endergebnis gesprochen werden soll, dann kann mit der hier ausgearbeiteten Thesenführung in Zusammenhang mit der „Reproduktion von Geschlechteridentitäten“  [95] von systemischen Strukturen gesprochen werden, die Wesentliches von dem erfüllen, was Luhmann System nennt. Dennoch: Der hier angewandte teils sehr grobe Überblick, das fast holzschnitthafte Bild der beiden Ansätze ist dem knappen Rahmen dieser vorliegenden Arbeit geschuldet und muss streng genommen als nicht ausreichend angesehen werden. Viele weitere vergleichende Einblicke wären denkbar und möglich, eine tiefere Untersuchung wäre nötig. Dies aber soll mein mich erhellender Versuch bleiben.

 

 

ANMERKUNGEN

[1]          Reese-Schäfer, Walter: Niklas Luhmann zur Einführung. Hamburg: Junius, 2005, S. 11.

[2]         Ebd., S. 7.

[3]          Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/ Main:                                  Suhrkamp, 21987, S. 17.

[4]          Dieser ist der von Uwe Wirth herausgegebenen Anthologie „Performanz. Zwischen                                             Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften“ (2002) entnommen.

[5]          Butler, Judith: „Performative Akte und Geschlechterkonstitution. Phänomenologie und feministische                   Theorie.“ In: Wirth, Uwe Hg.: Performanz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften.                     Frankfurt/ Main: Suhrkamp, 2002, S. 301-320, S. 304.

[6]          Vgl. Ebd., S. 301f.

[7]          Ebd., S. 301.

[8]          Ebd.

[9]          Vgl. Ebd., S. 302.

[10]        Vgl. Ebd., S. 301.

[11]        Ebd.

[12]        Vgl. Ebd.

[13]        Vgl. Ebd., S. 302.

[14]        Vgl. Ebd.

[15]        Vgl. Ebd.

[16]        Ebd., S. 303.

[17]        Ebd.

[18]        Ebd.

[19]        Ebd.

[20]        Vgl. Ebd.

[21]        Ebd., S. 302.

[22]        Ebd.

[23]        Ebd.

[24]        Ebd.

[25]        Ebd.

[26]        Ebd.

[27]        Ebd.

[28]        Vgl. Ebd.

[29]        Vgl. Fischer-Lichte, Erika: Ästhetik des Performativen. Frankfurt/ Main: edition suhrkamp, 2004, S. 32.

[30]       Reese-Schäfer 2005, S. 12.

[31]        Ebd., S. 36.

[32]        Vgl. Ebd., S. 12.

[33]        Ebd., S. 13.

[34]        Ebd., S. 12.

[35]        Vgl. Ebd., S. 15.

[36]        Vgl. Ebd., S. 37.

[37]        Butler 2002, S. 320.

[38]        Ebd., S. 306.

[39]        Ebd., S. 309.

[40]        Ebd., S. 310.

[41]        Ebd., S. 311.

[42]        Ebd., S. 309.

[43]        Bublitz, Hannelore: Judith Butler zur Einführung. Hamburg: Junius, 2002, S. 10.

[44]        Butler 2002, S. 310.

[45]        Reese-Schäfer 2005, S. 43.

[46]        Ebd.

[47]        Vgl. Butler 2002, S. 302.

[48]        Vgl. Ebd., S. 306.

[49]        Vgl. Ebd., S. 304.

[50]        Vgl. Ebd., S. 304f.

[51]        Ebd., S. 305.

[52]        Vgl. Ebd., S. 304.

[53]        Ebd., S. 305.

[54]        Ebd., S. 311.

[55]        Vgl. Ebd.

[56]        Ebd.

[57]        Ebd.

[58]        Vgl. Ebd., S. 307f.

[59]        Vgl. Ebd., S. 309.

[60]        Vgl. Ebd.

[61]        Ebd., S. 305.

[62]        Ebd.

[63]        Vgl. Ebd., S. 306.

[64]        Vgl. Reese-Schäfer 2005, S. 12.

[65]        Vgl. Ebd., S. 12.

[66]        Vgl. Ebd., S. 12f.

[67]        Ebd., S. 12.

[68]        Vgl. Ebd., S. 14.

[69]        Vgl. Ebd.

[70]        Vgl. Ebd., S. 43.

[71]        Vgl. Ebd., S. 43.

[72]        Vgl. Ebd.

[73]        Vgl. Ebd.

[74]        Butler 2002, S. 306.

[75]        Ebd., S. 305.

[76]        Ebd., S. 302.

[77]        Vgl. Reese-Schäfer 2005, S. 17.

[78]        Vgl. Reese-Schäfer 2005, S. 176.

[79]        Butler 2002, S. 305.

[80]        Ebd., S. 315.

[81]        Reese-Schäfer 2005, S. 176f.

[82]        Butler 2002, S. 301-320.

[83]        Butler 2002, S. 310.

[84]        Ebd., S. 309.

[85]        Ebd., S. 316.

[86]        Ebd., S. 305.

[87]        Entnommen: Reese-Schäfer, Walter: Niklas Luhmann zur Einführung. Hamburg: Junius, 2005.

[88]        Butler 2002, S. 313.

[89]        Ebd.

[90]        Ebd., S. 306.

[91]        Ebd., S. 316.

[92]        Ebd.

[93]        Vgl. Reese-Schäfer 2005, S. 14.

[94]        Vgl. Butler, S. 316.

[95]        Ebd., S. 308.

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